Guild Wars: Factions - World Of Warcraft muss sich noch wärmer anziehen!
22.05.2006

Wenn es ein Spiel gibt, vor dem sich World Of Warcraft fürchten muss, dann ist das Guild Wars. Blizzard will das erste Addon für sein Werk im Oktober veröffentlichen, die Herren bei ArenaNet waren da etwas schneller und haben bereits in den letzten Tagen des Aprils Guild Wars: Factions auf den Markt geschmissen. Ob Fans des Hauptspiels zugreifen sollten und ob sich auch Neulinge an das Rollenspiel-Epos wagen dürfen, erfahren Sie in unserem Test!


Schlimme Aussichten
Die Pest ist wieder da! Nein, Modern Talking plant kein Comeback, sondern nach diversen anderen Fantasy-Reichen bekommt auch der Kontinent Cantha mal volles Rohr den Schwarzen Tod ab. Und so ziehen Sie in Guild Wars: Factions aus, um mal wieder die Welt vom Bösen zu befreien, denn die Pest kommt natürlich nicht von irgendwo her, sondern wurde von einem gewissen Shiro Tagachi ausgesetzt. Bis Sie dem gegenüber stehen, wollen erstmal zahlreiche haarsträubende Abenteuer bestanden werden. Dazu hat Entwickler ArenaNet mit Cantha ein völlig neues Gebiet, vollgestopft mit Quests, geschaffen, das etwa dreimal so klein wie Thyria ist. Von Thyria werden Sie in Factions übrigens nicht allzu viel sehen, das Addon koppelt sich vollends von Guild Wars: Prophecies ab und läuft auch, wenn das Hauptspiel nicht installiert ist. Sollten Sie mit Ihrem Factions-Charakter jedoch mal einen Abstecher in die alte Welt machen wollen, muss Prophecies bereits einen Platz auf der heimischen Festplatte gefunden haben. Zu Beginn des Spiels landen Sie auf einer Insel, auf der Ihr eventuell neuer Charakter die ersten Levels, Quests und Monster nimmt. Einige Missionen später dürfen Sie dann das Fährticket zum Festland lösen und da geht der Spaß dann erst richtig los!

Wanderungen
Der durchschnittliche Factions-Kämpe stapft durch die Pampa und kraxelt Berge hoch, dass Reinhold Messner vor Neid erblassen würde. Zwar lindert die Schnellreisefunktion die Latschereien etwas, aber die Instanzen verbieten das Springen an irgendeinen beliebigen Punkt. Wie im Hauptspiel bewegt man sich quasi nur in Level, die extra für Sie und Ihre Gruppe erstellt werden. Andere Spieler trifft man nur in Außenposten oder Städten, in die man sich eben auch teleportieren kann. Und gerade zu Anfang des Spiels werden Sie mehr laufen müssen als Ihnen lieb ist! Die Monsterdichte hält sich in Grenzen, dafür warten etliche Botengänge, die dann auch noch mit massenhaft Erfahrungspunkten belohnt werden. Während in der Prophecies-Kampagne jede Quest mit mehr als 1000 Erfahrungspunkten ein dicker Brocken war, gibt es in Factions im Prinzip keine Aufgabe mit weniger als 1000 XPs. In der Zeit, wo ihr Addon-Charakter dem Maximallevel 20 erreicht, wäre ein Prophecies-Recke wohl gerade mal bei der Hälfte. Der Grund dafür liegt jedoch auf der Hand: Auch erfahrene Level 20-Helden wollen sich ins Factions-Vergnügen stürzen und brauchen dafür ebenbürtige Kollegen und nicht Anfänger-Charaktere, die noch auf Level 5 herumkrebsen. Also gibt?s eben massig XPs, damit auch Neulinge schnell ein Wörtchen mitreden können.


Eine Frage des Charakters
Die Ritussinen kommen! Dieser Ruf eilt momentan desöfteren durch canthanische Gefilde, denn wie zu erwarten war haben sich viele Spieler erstmal einen Charakter der beiden neuen Klassen Assassine und Ritualist gebastelt. Besonders die Flut an Attentätern kann einem gelegentlich auf die Nerven gehen, gerade wenn man als Heiler unterwegs ist. Die verstohlenen Meuchelmörder teilen zwar mit ihren Combos und Spezialfertigkeiten mächtig aus, fallen jedoch um wie die Fliegen. Ohne Mönch oder Ritualist endet der Weg vieler ungeschickter Assassines deshalb meistens schon bei der ersten Gegnergruppe. Mit Ritualisten in der Party schaut das ganze schon um einges besser aus, denn die eleganten Gewandträger sind echte Alleskönner. Neben dem Heilen, Waffen beschwören, Schaden anrichten ist vor allem das Geister beschwören eine Mordsgaudi. Jeder bleiche Geselle hat dabei verschiedene Effekte: Der eine sorgt für extrem nützliche Lebensregeneration, der andere zapft seinen Feinden Leben ab. Das ist auch bitter nötig, denn die Gegner wissen um die Stärke der Geister und knallen ihnen gerne mal einen vor den Latz. Trotzdem bringt der Ritualist, ebenso wie die Assassine, eine Menge frischen Wind in die mittlerweile doch etwas angestaubte Guild Wars-Klassenriege.

Knallharte Kämpfe
Die Beta von Guild Wars war wirklich nur mit dem Wort ?bockeschwer? treffend zu beschreiben. Kaum eine Mission war auf Anhieb zu schaffen, ohne Teamwork und Disziplin war die Reise meistens schneller zu Ende als man ?Imba!? rufen konnte. Was ArenaNet dann aus der fertigen Version gemacht hat, mangelt wirklich jeder Beschreibung. Gefühlt wurde mit fast jedem Patch der Schwierigkeitsgrad weiter runtergeschraubt. Das freute Einsteiger natürlich, vergraulte Veteranen jedoch auf lange Sicht. Mit Factions haben sich die Macher wieder besonnen und den Schwierigkeitsgrad deutlich angehoben. Eine richtige Entscheidung! Der Großteil der Spieler dürfte eh von den alten Hasen gestellt werden, die sich mit dem Schwierigkeitsgrad schnell anfreunden dürften, da so endlich wieder Herausforderung in Guild Wars steckt. Einsteiger riskieren allerdings lange Gesichter, wenn Sie eine Aufgabe zum fünften mal hintereinander angehen müssen.

Doch bei allem Geläster über den Schwierigkeitsgrad: Factions wird nur selten unfair. Meistens liegt das Scheitern der Gruppe entweder am zu niedrigen Level einiger Mitstreiter oder aber einfach an den Fehlern der Spieler selbst. Wenn ein Krieger mal wieder meint er müsse sein außergewöhnliches Können beweisen, indem er alle Gegner im Umkreis von 100 Metern auf sich aufmerksam macht und damit die gesamte Gruppe ins Verderben reißt, kommt das nun mal nicht von irgendwoher. Ohne Taktik und vorsichtiges Vorgehen ist gegen die Feindmassen einfach kein Kraut gewachsen. Aber jeder, der sich einmal mit einer disziplinierten und erfahrenen Gruppe durch hammerharte Gegnermobs gestorben und gekämpft hat, weiß, dass es auch anders geht. Einzelgänger können übrigens wieder auf die NPCs zurückgreifen. Aber ganz ehrlich: Die Intelligenz der KI-Kumpanen kommt kaum über den ?Tut gerade das nötigste?-Status hinaus. Gerade die Mönche stellen sich teilweise selten dämlich an und brauchen schon mal geschlagene zwei Minuten bis ihnen dann plötzlich auffällt, dass da ja jemand aus dem Team seine Lebensgeister ausgehaucht hat. Hoffentlich merkt sich ArenaNet dieses Problem für einen der nächsten Patches vor.


Tokio lässt grüßen!
Grafisch gibt sich Factions keine Blößen, eigentlich wurde auch nur die schon sehr gute Optik des Hauptspiels nochmals aufpoliert. Das Ergebnis sind malerische Landschaften mit tollem Wasser und todschicken Lichteffekten. Das Setting des neuen Kontinents Cantha ist stark an Asien angelehnt. Und wofür ist der ferne Osten so bekannt? Genau, für enge, vollgepropfte Städte! Keine Angst, vor tollwütigen Taxifahrern brauchen Sie sich nicht in Acht zu nehmen, dafür aber umso mehr vor von der Pest befallenen Kreaturen, die Ihnen die Hölle heiß machen. Und ganz in der Tradition asiatischer Länder ist Cantha einfach mal zu einem Drittel mit der riesigen Stadt Kaineng bepflastert. Bis man aus diesem Moloch herauskommt, vergeht seine Zeit. Dafür erwarten einen danach wieder schöne Naturansichten, ganz in der Tradition der Prophecies.

Ebenfalls etwas später im Spiel geraten Sie in den Konflikt zwischen den Luxons und der Kurzicks. Egal auf welche Seite Sie und Ihre Gilde sich stellen: In den neuen Allianz-Kämpfen können Sie sich mit der Gegenseite um ein Stückchen Land kloppen und die Frontlinie zugunsten Ihrer Fraktion verschieben. In den unterworfenen Gebieten warten dann spezielle Elite-Missionen und zahlreiche Boni wie spezielle Verkäufer auf die siegreichen Invasoren. Durch die in Allianz-Kämpfen erworbenen Faction-Points können Sie Ihre Fraktion noch zusätzlich stärken. Als kleinen Gag haben die Entwickler noch sogenannte Herausforderungs-Missionen in Cantha verstreut, die nicht für das Weiterkommen in der Story nötig sind, sondern in denen die Spielern einfach im Wettbewerb spezielle Missionsziele erfüllen müssen. Zum Beispiel in einer bestimmten Zeit möglichst vielen Pest-Kreaturen den Hintern versohlen. Das geht zum Glück auch noch, wenn Sie die Pest schon längst aus Cantha geschmissen haben.

Gelungene Fortsetzung für Veteranen
Tobias Schmitz

Der Name ?Factions?, zu deutsch etwa ?Bruchstücke?, passt mal so gar nicht zur Guild Wars-Erweiterung. Im Gegenteil: Das Stand-Alone-Addon macht aus dem MMORPG ein noch umfassenderes und in sich stimmigeres Spiel. Die beiden neuen Klassen fügen sich sehr gut ins Guild Wars-Universum ein und spielen sich angenehm ungewohnt. Einsteiger sollten sich jedoch lieber zweimal überlegen, ob sie mit Factions einsteigen wollen. Der Schwierigkeitsgrad langt stellenweise ordentlich hin und stellt selbst erfahrene Helden vor Probleme. Die freuen sich dafür doppelt über die frische Kampagne, die neuen Skills und Items und dass sie mit ihrer Gilde wahlweise für Luxons oder Kurzicks in den Krieg ziehen dürfen. Denn nach wie vor ist der PvP in Guild Wars eine echte Bank, vor allem in Sachen Balancing und taktischem Anspruch. Veteranen sollten also nicht lange fackeln und sich dieses ausgezeichnete Rollenspiel holen, Einsteiger sollten sich Factions lieber erstmal bei einem Bekannten anschauen.
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